Nebelträume

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    Naira

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    Alter : 27
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    Nebelträume

    Beitrag von Naira am Do Jul 14, 2011 11:39 pm

    Nebelträume



    ~*~


    Huhu,

    Willkommen zu meiner neuen Geschichte!! ;) Freut mich euch hier begrüßen zu dürfen!!! Um euch mein neuestes Baby vorstellen zu dürfen:

    Es ist ein kleines Geschenk für Baralin. Sie hat sich das Pairing ausgesucht und das kam nun dabei raus. Eine fertig geplante, aber noch nicht fertig geschriebene Geschichte.

    Kurzbeschreibung: Träume können vieles. Sie verraten einem die tiefsten Sehnsüchte der Seele, sie dienen dazu die Erlebnisse des Tages zu verarbeiten, sie können sogar einem die Zukunft weisen, aber ebenso sind sie dazu in der Lage in den Wahnsinn treiben. Und gerade deshalb rate ich dir, mellon nin: Wünsche dir niemals meine Träume!

    Genre: EIne Mischung aus Thriller, Actionabenteuer, Romanze und Drama

    Rating: momentan P16 Slash, wird möglicherweise aber hochgesetzt auf P18Slash

    Pairing/Charaktere: Celebrimbor/Gil-galad, Curufin, Finrod, Maedhros, Maglor, Celegorm, Fingolfin, Fingon, ...

    Disclaimer: Um es kurz auszudrücken, auch wenn ich es hasse es zu sagen und ich eigentlich in keinster Art und Weise gewillt bin, das zuzugeben, muss ich sagen, dass keine der Figuren (außer jenen, die aus meiner Feder stammen) mir gehört, noch dass mir der Ort gehören würde. Alles gehört Tolkien bzw. der Tolkien Estate. Leider! *seufz* Zumindest eines gehört mir, und zwar die Handlung bzw. diese Version Curufins ist eindeutig meins!!

    Die Namen sind natürlich ganz und gar verwirrend. Hab ich schon zu oft gehört, aber dann auch noch die Quenyanamen.... da kommt dann keiner mehr mit.

    Um das kurz zusammenzufassen (oder viel mehr Baralin, die ich indirekt hier zitiere):

    Der Vaternamen: wird vom Vater nach der Geburt oder kurz später gegeben. Er wird beim Titel immer zuerst angeführt.

    Der Muttername: wird gleich nach der Geburt oder auch Jahre später von der Mutter gegeben und beschreibt meist den Charakter des Kindes, er kann eventuell sogar eine prophetische Eingebung sein. Er wird meist nur im privaten Umfeld verwendet und oft nie öffentlich. Gegenteiliges Beispiel ist hier Feanor.

    Der Spitz- oder Ehrenname: er wurde von anderen gegeben aufgrund besonderer Gegebenheiten, Taten, etc.. Manchmal war dieser Name dem Benannten nicht bekannt. Normalerweise war dieser Name nicht Bestandteil des Titels, es sei denn er hatte besonderen Bekanntheitsgrad.

    Der Wahlname: Diesen Namen gab sich der Benannte selbst im Alter von ca. 10 Jahren. Er war das persönliche Eigentum und durfte nur mit Einwilligung benutzt werden, ansonsten war es eine Beleidigung.

    S = Sindarin, Q = Quenya, T = Telerin (der Teleri von Aman)
    Wenn vorhanden: VN = Vatername, MN = Muttername, EN = Spitz-/Ehrenname, WN = Wahlname
    KF = Kurzform

    Celebrimbor (S) = Tyelperinquar (Q) = Telperinquar (T)
    Curufin (S) = (Q) Curufinwe (VN; KF: Curvo) Atarince (MN)
    Finrod Felagund (S) = (T/Q) Findárato/Artafinde (VN) Ingoldo (MN)
    Maedhros (S) = (Q) Nelyafinwe (VN; KF: Nelyo) Maitimo (MN) Russandol (EN)
    Maglor (S) = (Q) Canafinwe (VN, KF: Cáno) Macalaure (MN)
    Celegorm/Celegorf (südliches Sindarin, weniger verbreitet) (S) = (Q) Turcafinwe (VN, KF: Turco) Tyelkormo (MN)
    Fingolfin (S) = (Q) Nolofinwe (VN) Aracáno (MN)
    Fingon (S) = (Q) Findecáno (VN)

    Natürlich wundert ihr euch warum Gil-galad nicht aufgeführt wird. Nun das ist leicht zu erklären. Dieser wundervolle Noldo ist so eine Sache für sich. Seine Abstammung ist unklar, es gibt drei Versionen, kein Geburtsdatum, viiiiieeele Namen.

    Die erste Version ist die bekannte aus dem Silmarillion. Gil-galad ist der Sohn Fingons. Die zweite Version besagt erstens, dass Orodreth Angrods Sohn ist und nicht sein Bruder, und dass Gil-galad sein Sohn ist. Die dritte Version, die mich auch sehr überrascht hat, besagt, dass Finrod sein Vater ist und seine Mutter Meril. Meril existiert mittlerweile nicht mehr. Oder jetzt wieder schon, nur ist sie in der Geschichte hier Fingons verstorbene Frau, eine Sinda (womit das auch geklärt ist).

    Nun zu den Namen: (> = wurde zu)
    In Aldarion und Erendis heißt er Finlachen > Finhenlach > Finellach.
    In den Grauen Annalen heißt er schon Findor Gil-galad, dann wurde daraus (Q) Artanáro/(S) Rodnor, der nächste Name aus The Shibboleth of Feanor ist dann Ereinion.

    Hier verwende ich wie folgt:
    Gil-galad (S, EN) = (Q) Artanáro (VN) (S) Ereinion (MN)

    Ach ja, 1 valisches Jahr = 9,582 Sonnenjahre (d.h. als Celebrimbor klein war, war noch valische Zeitzählung).

    Dann natürlich auch die Quenyabegriffe, die ich verwende. Normalerweise kommen die am Ende, aber ich finde diesmal sind sie schon zu Anfang notwendig.
    Quenya:
    yondo-ninya (betonte Form und rekonstruiert aufgrund von "Fíriels Lied"), yondonya = mein Sohn
    atto = Papa
    táratar (táratto) = Großvater (Opa)
    táramil (táramme) = Großmutter (Oma)
    melisse = Geliebte
    melin nildo = teurer Freund

    Sindarin:
    mellon nin = mein Freund

    Somit viel Spaß beim Lesen und über eine Rückmeldung freu ich mich natürlich! ;)


    Nebel



    Ich sah nur in die Augen, die sich langsam vor Schock weitete. Unfähig mich abzuwenden. Unfähig einzugreifen. Dieselbe Schwäche, die schon in meines Vaters Adern war. Der silberne Rand war nur mehr eine hauchdünne Schicht, die riesige schwarze Pupillen umfassten.

    Edel

    Stolz

    Verletzlich

    Verängstigt

    ~*~


    Es war ein unmerkliches Lächeln, das meine Lippen hob. Eine unmerkliche Ruhe bemächtigte sich meiner und Wärme erfüllte mein Herz. Dunkel und irgendwie zärtlich war dieses Lächeln einem kleinen Kind gewidmet, das über die Wiese rannte. Pechschwarzes Haar flatterte im Wind, während es hinter dem Hund her rannte. Die Blätter der Bäume rauschten. Entspannt saß ich auf dem Geländer und beobachtete den quirligen Wirbelwind.

    Für mich waren es die schönsten Augenblicke, hier, in diesem Garten. Die Festung meines Onkels mochte noch so hoch liegen in den Bergen, die sich schützend erhoben, um Morgoth fernzuhalten, doch es war, als würde an diesem Ort die Zeit stehen bleiben, die Ewigkeit für einen kleinen Moment einfangen. Mein Blick folgte meinem kleinen Cousin, der nun auf mich zugerannt kam. Schnell stand ich auf und breitete die Arme aus, nur um Sekunden später den Jungen herumzuwirbeln und ihn lachend in die Luft zu halten. Tiefe Freude erfüllte mich und ließ mich auflachen.

    Der Kleine quietschte vergnügt, schlang die Arme um meinen Hals, drückte sich an mich und vergrub sein Gesicht an meiner Schulter. Ich konnte nicht anders, ich musste lächeln. Er war der Grund, warum ich so oft nach Mithrim kam. Dieses wundervolle kleine Kind. Das erste in der Familie nach so langer Zeit. Mein Onkel vergötterte ihn, ebenso auch Onkel Maitimo. Andererseits: Wer tat das nicht? Er schien gleich einem hellen Licht in dieser finsteren Zeit.

    „Hast du das gesehen? Ich hab es fast geschafft schneller als Sulchen zu sein!!“, lachte der Junge und seine Augen funkelten. Ich grinste breit, sag ihn stolz an und rieb meine Nase an der meines Schützlings. „Du warst schneller!“, meinte ich fest überzeugt und warf ihn in die Luft. Ein überraschter, aber freudiger Schrei war zu hören.

    Doch dann zogen Schlieren auf und ließen die Sicht verschwimmen. Erst nur unmerklich, dann immer mehr. Feinster Nebel bildete sich und stieg vom Boden empor. Schatten zeichneten sich ab und verschlangen die Bäume des Gartens. Erstarrt beobachtete ich diese Schatten und drückte Artanáro fester an mich, doch er begann zu zappeln. Knistern durchzog die weißen Untiefen. Unruhe breitete sich in mir aus.

    Langsam drehte ich mich um, um wieder hineinzugehen und meinen Onkel davon zu berichten. Entsetzt sah ich in die Richtung. Da war nichts!

    Eine weiße Wand hatte sich dort aufgebaut und verwehrte jeden Blick zu der Festung. Artanáro wimmerte etwas und wand sich immer mehr. Nervös drückte ich ihn noch mehr an mich und ging forsch dorthin wo ich die Eingangstore vermutete.

    Doch dann befreite sich mein Schützling.

    Lief in den Nebel hinein.

    Mit einem Fluch drehte ich mich um und rannte hinterher. Panik begann mich zu würgen. Beklemmung, ob des Nebels, der Gestalten in der weißen Brühe, die sich immer schmutziger färbte. Hektisch sah ich mich um, suchte nach Hinweisen, wo mein kleiner Cousin sein könnte. Rief immer wieder seinen Namen.

    Ein greller Schrei.

    „ARTANÁRO!!“, rief ich verzweifelt und rannte in die Richtung dieses Schreis. Kälte umfing mich, eisige Finger krallten sich in meinem Hemd und in meinen Haaren fest. Meine Augen suchten das Meer vor mir ab, prallten an der Wand ab. Wie Ranken zogen sich die Schlieren immer mehr um mich herum.

    Stur ging ich weiter und zwang mich zur Ruhe. Es nützte Artanáro nichts, wenn ich jetzt panisch wurde. Pfeifend atmete ich aus und blickte mich um. Eine eisige Nebellandschaft erhob sich vor und hinter mir, zeichnete Bilder und Schatten, die mich beunruhigten.

    Immer wieder nur Schreie.

    Mein Name.

    Tyelperinquar

    Immer wieder mein Name.

    Tränen rannen über mein mittlerweile gefühlt blasses Gesicht und ich suchte weiter. Sobald ich den Schreien auch nur näher kam, waren sie aus einer anderen Richtung zu hören. Ich wollte ihn nie so hören. Verdammt!! Wo war er nur?!

    Mein Herz verkrampfte sich, als der Nebel eine rote Nuance bekam. Die Stimme des Kindes wurde immer leiser und ich selbst verlor nun endgültig meine Ruhe. Schatten zogen immer mehr auf und ließen den nun mehr roten Nebel dunkel werden.

    Ich lief immer tiefer in die Finsternis, die sich nun ausbreitete. Ich hatte das Gefühl zu ersticken, so als ob mir die Schlieren die Kehle zudrückten. Der Nebel löste sich auf. Doch statt dass ich sah, wo der Junge war, wurde es nun Rauch.

    Rauch von Zedernholz. Stechend und wohltuend im Geruch, weckte er grauenhafte Erinnerungen. Flammen schlugen mir entgegen und entsetzt wich ich zurück. Silhouetten von Schiffen waren zu sehen, Flammen, die aus den Planken züngelten und über das weiße Holz der Schiffe leckten. Die Masten gaben ächzend nach und die Perlen, die an der Reling eingelassen waren explodierten wegen der Hitze, die sich grellweiß über sie legte und sie auffraß.

    Reiß dich zusammen! ermahnte ich mich und versuchte mich wieder darauf zu konzentrieren, dass ich meinen Cousin finden musste. Er war viel zu jung, gerade einmal knappe fünfzehn Jahre.

    Wieder ein Schrei. Ich rannte in die Richtung. Der Boden schien sich zu verändern. War er erst noch der Wiesenboden, der leicht nachgab, so waren plötzlich Steine im Weg und erschwerten mir den weiteren Weg. Mein Puls raste und mein Mund war ausgetrocknet vor Angst, dass meinem Schützling etwas passiert war.

    Mit jedem Schritt rollten die Steine weg.

    Ein Schritt.

    Ein zweiter Schritt.

    Irgendetwas stimmte nicht mehr. Ein zutiefst beunruhigendes Gefühl schnürte mir die Brust zu und ich biss mir auf die Lippe. Was war hier nur los?!

    Ein weiterer Schritt.

    Eine Kante war zu fühlen. Vorsichtig tastete ich mich mit dem Fuß vor. Etwas Weiches lag vor mir. Grauen erfüllte mich und ich flehte zu Ilúvatar, dass es nicht das war, was ich vermutete. Meine Augen brannten. Mein Atem ging schwer und ein Kloß saß in meinem Hals. Weinend beugte ich mich runter.

    Und plötzlich war kein Boden mehr da. Wind pfiff um meine Ohren und ich fiel. Ich schrie. Versuchte irgendwo Halt zu finden.

    Doch da war nichts…

    ~*~


    Ich fiel.

    Und landete auf einem Pferd. Ich keuchte ob des Aufpralls auf und verkrallte meine Finger in der Mähne des Pferdes. Verwirrt sah ich mich um. Mein Herz raste immer noch und schwarze Flecken beeinträchtigten mein Blickfeld. Neben mir ritt Teaníro, neben Onkel Findárato, der beste Freund meines Vaters. Sein Blick blieb skeptisch an mir hängen und glitt über meine gegebenermaßen etwas zerzauste Erscheinung.

    Seine Mundwinkel zuckten verräterisch und er griff in seine Satteltasche. Ein amüsiertes Funkeln war in seinen graublauen Augen zu erkennen, als er mir eine Bürste reichte. Säuerlich nahm ich sie entgegen und löste flink den Zopf, der mir die vordere Haarpartie aus dem Gesicht hielt. Mit wenigen Strichen hatte ich meine Haare durchgekämmt und reichte dem Vanya wieder die Bürste.

    Ich sah mich vorsichtig um, so dass Teaníro nicht sofort bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Wir waren auf der Ebene von Himlad, als ich mich kurz umdrehte, sah ich hinter mir die Wälder von Doriath. Wir waren also noch etwa drei Tagesritte von Mairemár entfernt. Sehnsüchtig dachte ich an die Schmieden und den Innenhof. Aber ebenso schlich sich das Gesicht meines kleinen Cousins in meine Gedanken. Der Rückweg war seltsam gewesen, wie ein schrecklicher Traum, der mich nicht mehr los ließ. Ein eisiger Schauer rann meinen Rücken runter und ich bekam für einen kurzen Moment keine Luft mehr. Meine Lippen dürften ein Strich sein.

    „Ist alles in Ordnung?“, wurde ich gefragt und blickte in das ernste Gesicht meines Begleiters. „Du siehst blass aus. Mal ganz davon abgesehen, dass du dich recht seltsam verhältst, Junge.“ Ich schüttelte unwirsch den Kopf.

    Er zuckte mit den Schultern und sah wieder nach vorne. Mittlerweile schaffte ich es sogar ihn über meinen Zustand zu täuschen. Bis vor ein paar Jahren war mir das nicht möglich gewesen, ich wurde immer durchschaut, egal wie sehr ich mich auch bemühte. Mein Pferd begann zu traben, kaum dass ich etwas mehr Druck mit den Schenkeln ausübte, und ich freute mich langsam darauf meinen Vater und die Schmieden wiederzusehen.

    Vater…

    Er war in den letzten Jahren zur Ruhe gekommen, auch bedingt durch den langen Frieden, den Onkel Findecáno bewirkt hatte, indem er den Drachen zurückgetrieben hatte. Der Schwur hing zwar immer noch an ihm, aber bislang weigerte er sich, etwas zu unternehmen. Aus gutem Grund, wie ich wusste. Onkel Tyelcormo würde ansonsten ein Blutbad anrichten. Selbst halb dem Wahnsinn verfallen, versuchte er alles, um den Eid umzusetzen.

    Doch nie würde jemand erfahren, was Vater alles leistete. Nie würde rauskommen, dass er das größte Blutvergießen verhinderte. Es war ungerecht und bitter. Er wurde verurteilt, weil er Großvaters Ebenbild war.

    So in Gedanken versunken, bemerkte ich nicht, dass wir hielten.

    „Tyelperinquar!“

    Verwirrt sah ich mich um. Teaníro war abgestiegen und sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. Verlegen zog ich am Zügel. Das Tier drehte sich und schritt zurück. Über mir funkelten die Sterne und der Nachthimmel strahlte in einem samtigen Blau, gleich den Untiefen des Meeres.

    Ich stieg ab und öffnete die Satteltasche, um eine Decke, sowie Feuerzunder herauszunehmen. Meine Stimmung war momentan am Boden, kalte Schauer rannen über meinen Rücken und ein innerliches Zittern hatte mich erfasst.

    Ich reichte dem Vanya den Zunder und richtete das bereitgelegte Fleisch, Gemüse und Brot her. Ich versuchte mich zu erinnern, wo wir das Gemüse her hatten, doch mir fiel es nicht ein. Nachdenklich starrte ich in das Feuer, welches nun munter vor sich hin prasselte.

    Meine Erinnerungen waren überzogen mit Schleiern. Verschwommen und ungenau, durcheinander. Ich schloss die Augen und massierte mir die Schläfen. Teaníro schliff sein Messer und schnitt dann das Fleisch. Ein Rascheln und Holzschüsseln waren aus der Tasche geholt. Meine Finger umgriffen die raue Textur der Schale, Bratengeruch und der feine Geruch nach Kräutern lag in der Luft und zeigte mir, wie hungrig ich war. Ich blickte in die sorgenumwölkten Augen Teaníros und begann zu essen. Es war köstlich, und doch schien mir, als schmecke ich nichts.

    Etwas stimmte nicht.

    Konzentriert starrte ich in die Ebene.

    Täuschte ich mich, oder zogen da Nebelschlieren über die Bäume?

    „Du solltest mit deinem Vater sprechen, Junge“, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. „Das hatte ich vor, melin nildo, das hatte ich vor“, antwortete ich leise. Für diesen Abend sprach ich nichts mehr und legte mich hin. Teaníro wachte über unser Lager.

    Am nächsten Morgen stellte ich leicht verärgert fest, dass er mich nicht geweckt hatte. Fragend sah ich ihn an, doch er schüttelte nur das goldblonde Haupt, welches im Licht der aufgehenden Sonne, wie Laurelins Tau aussah. Aus irgendeinem Grund gab mir das etwas Hoffnung. Schnell zerstörte ich die Feuerstelle und sammelte unsere Sachen ein.

    So ähnlich verliefen auch die nächsten Tage. Ich schien mit jedem Tag erschöpfter zu werden, ohne den wahren Grund zu kennen.

    Und dann standen wir vor den Toren meiner zweiten Heimat. Mairemár – Heim der Künste. Strahlend silbrige Tore, nur um unendlich vieles stärker, als das farbgleiche Metall. Ranken schienen das Tor an Ort und Stelle zu halten, Insignien der Noldor waren in den Ecken und quer über beide Torflügel waren der Stadtname und der Spruch „Sprich Freund und tritt ein“ eingraviert.

    Ein feines Lächeln überzog mein Gesicht. Der Spruch würde irgendwann, ein Tor meines Reiches zieren. Wenn ich mich einmal dazu entschloss eines zu gründen… Das hatte Eru sei Dank noch Zeit.

    Der Stern unserer Familie prangte in der Mitte und zeigte, wer hier herrschte, unübersehbar war auch ein Efeublatt in der Mitte des Sterns zu sehen. Onkel Tyelcormo hatte es bis jetzt nicht verstanden und auch nicht bemerkt. Er würde wahrscheinlich toben, sollte er erkennen, was Vater damit getan hatte.

    Dafür müsste er es erst mal erkennen.

    „Dein Onkel scheint bis jetzt noch nicht verstanden zu haben, dass sich Curvo als Alleinherrscher Himlads deklariert hat“, meinte Teaníro und ein breites Grinsen lag auf seinen Zügen. „Nicht wirklich!“ Einer der Torflügel schwang auf und ein Soldat winkte uns hinein. Die Straßen waren gepflastert, aber so, dass der Übergang der Fugen nicht bemerkbar war, wenn man mit einem Wagen darüber fuhr.

    Ein Glücksgefühl durchströmte mich jedes Mal, wenn ich wieder Heim kam. Diese Kunst, dieser stille, dezente Reichtum und die verspielte Liebe zum Detail ließen die Stadt erstrahlen. Jedes Haus war ein Kunstwerk für sich, in dem die Häuserbauer sich immer wieder übertrafen. Ich trieb mein Pferd an und preschte im Galopp hoch zum Palast, der nie als solcher erschien. Teaníro hinter mir lachte und folgte mir.

    Die Schmieden waren es, die ich als erstes aufsuchte. Geschwind lief ich die Treppen hoch. An den Säulen der Überdachung wuchs Efeu hoch, leuchtend grün oder dunkel mit hellen Adern, Blütenkelche streckten sich mir entgegen. Es war, seit ich das letzte Mal hier war, alles gewachsen. Ich wusste, Vater hatte seine Freude daran. Ohne genau auf den Innenhof zu achten, ging ich durch die hohen Arkaden zu der einen Schmiede, die mein Ziel war.

    Schon von Weitem hörte ich einen Hammer, das Fauchen des Blasebalgs und unter der Tür schimmerte selbst jetzt am helllichten Tag, ein orangeroter Schein durch. Vorfreude erfüllte mich, als ich die Tür öffnete und die vertraute Gestalt erblickte.

    Die schwarzen Haare waren im Nacken zusammengebunden, der Oberkörper nackt. Die Muskeln seiner Arme traten bei jedem Schlag hervor. Ich lächelte, als er den Hammer beiseitelegte und die geschwungene Klinge im Licht des Feuers betrachte. Er schien zufrieden mit seinem Werk.

    Plötzlich kam mir eine Idee für eine neue Arbeit. Ich wusste wer der Besitzer sein würde. Doch zuerst wollte ich meinen Vater begrüßen, der sich überrascht umdrehte. Grüne Augen weiteten sich und er legte die Klinge auf den Amboss zurück.

    „Tyelperinquar!“

    Lachend kam ich auf ihn zu und schlang die Arme um ihn.

    „Atto“, wisperte ich und vergrub mein Gesicht an seiner Schulter. Ich fühlte mich wieder sicher, ohne zu wissen warum. Als ob ich immer eine leise Bedrohung gespürt hätte. Er lachte leise und drückte mich an sich.

    „Yondonya, ich habe dich erst morgen zurückerwartet!“, meinte er leise und löste die Umarmung. „Umso willkommener ist mir deine vorzeitige Ankunft. Wie steht es um deinen Onkel und deinen jungen Cousin?“

    Er zog unter dem Arbeitstisch zwei Hocker hervor und deutete mir mich zu setzen. Leise begann ich zu erzählen und beschrieb Artanáros Streiche, die Findecáno in den Wahnsinn trieben, aber Maitimo erheiterten und spöttische Kommentare von sich geben ließen. Dass meinem Cousin niemand auch nur böse sein konnte, wenn er einen mit diesem Bettelblick und der vorgeschobenen Unterlippe ansah.

    Und wieder war da ein kleiner Stich, der mich traurig stimmte. Ich vermisste den kleinen Wirbelwind. Vater bemerkte es sofort und wechselte das Thema. Ich wusste nicht wirklich, warum ich so an dem Kleinen hing, doch ich vermisste ihn schon jetzt mit jeder Faser meines Herzens. Vater widmete sich nach einiger Zeit wieder der Klinge und fertigte den Griff.

    Ich holte aus der Schublade Papier und einen Stift. Meine Hand fuhr über das Papier und zeichnete die Waffe, die mir in den Sinn gekommen war. Ein Speer würde es werden. Unverwüstlich sollte er sein, aus einem Stück gefertigt, und nicht wie sonst nur die Spitze aus Metall und der Schaft aus Holz. Die Spitze würde lang werden, leicht gebogen und doppelseitig geschliffen. Den Schaft würden zarte Muster aus Blüten zieren, sowie das Wappen des zukünftigen Besitzers. Tengwar für Glück, Erfolg und Stärke sollte die Waffe tragen, nicht zur Zierde, sondern um zu helfen. Ich würde all meine Magie aufbringen müssen, um dies zu schaffen, aber es würde sich lohnen. Am Ende des Schaftes würde ich einen Diamanten einsetzen.

    Ein Lächeln erhellte mein Gesicht. Eine Waffe, die so schnell und präzise sein würde, dass niemand ihr widerstehen könnte. Nur der Name fehlte noch.

    Nachdenklich stützte ich die Hand ab und musterte meine Zeichnung und die verschiedenen Daten. Graue Augen drängten sich in meine Gedanken.

    „Aicalossë“, wisperte ich und fuhr mit dem Finger über die Waffe. „Aeglos“

    Dampf begann die Halle zu erfüllen und ich sah mich verwirrt um. „Atto?“, rief ich und stand auf. Der Stift fiel zu Boden. Dampfige Finger krochen über den Tisch und zerrten an der Zeichnung. Mit einem schnellen Griff nahm ich meine Skizze an mich und starrte entsetzt auf den Tisch. Ein Zittern ergriff mich und ich rief wieder nach Vater.

    Kein Laut war mehr zu hören, nicht einmal mehr das Feuer war zu sehen. Obwohl der Dampf teilweise orange leuchtete. Ich stolperte über den Hocker und rannte zur Tür, riss sie auf und sah zu wie der Nebel immer näher kam. „Atto!“, rief ich und starrte in die Schmiede, die sich immer mehr mit Dampf füllte.

    Eisige Kälte strömte durch meine Adern und ich ging noch einige Schritte rückwärts in den Innenhof. Ich war mir so sicher, dass vorher noch Vögel gezwitschert hatten und aus den anderen Schmieden ebenso der Klang von Hämmern, Meisel und den Blasebälgen zu hören gewesen war. Alles war still.

    Nur mein Atem, der sich übernatürlich laut anhörte. Ich schluckte und ballte die Hände zu Fäusten. Sie waren leicht schwitzig und ich begann mich umzusehen. Von den Dächern strömte dickflüssig Nebel und sammelte sich am Boden. Grauen erfüllte mich und die Erinnerungen an den Traum kamen wieder hoch. Ich rannte Richtung der Treppen, vorbei an den Schmieden und den Nebelfingern ausweichend nahm ich mehrere Stufen auf einmal.

    Aus dem Boden sickerte der Nebel. Ich wusste aus irgendeinem Grund, dass die Berührung tödlich wäre. Ich schwang mich über das Geländer und landete auf dem Dach. Langsam drehte ich mich um und sah, wie die weiße Wand über die Mauer floss und sich weiter ausbreitete. Ich rannte weiter, sprang von einem Dach zur nächsten und schaffte es auf die Markise eines Marktstandes. Ich stieß mich ab, um auf die Straße zu kommen.

    Ein Fehler!

    Mit Grauen sah ich die Brühe unter mir am Boden und versuchte noch nach einer Stange oder der Stoffplane zu greifen.

    Ich versank.

    Alles nur mehr weiß.

    Nebel drang in meinen Mund und die Nase ein.

    Verzweifelt würgte ich und versuchte aufzukommen.

    Aber es war schon längst zu spät…

    ~*~


    Tränen rannen über mein Gesicht und Schluchzer kamen über meine Lippen. Für einen Moment, kurz wie der Kuss des Windes, hatte ich das Gefühl zu ersticken, zu ertrinken. Ich spürte, wie Wasser durch meinen Mund und meine Nase drang und sich seinen Weg durch meine Kehle bahnte. Geschockt griff ich mir mit der Hand an meinen Hals und hielt die Luft an. Doch dieses Gefühl, diese Erinnerung war weg.

    Schniefend wischte ich mir mit dem Ärmel über das blutendende Knie. Blut rann zwischen meinen Fingern hindurch, vermischte sich mit dem Schmutz am Boden und um mein Knie herum. Mutter würde wieder schimpfen. Ich wäre genauso unfähig wie Atto. Fest biss ich mir auf die Lippe und rieb energisch über meine Augen.

    Ich war ein großer Junge!

    Vorsichtig drückte ich mich hoch und ging ein Stück. Ich wimmerte. Es tat so weh! Ich humpelte, mehr als dass ich ging zurück nach Hause. Endlich Zuhause stützte ich mich an der Mauer ab und verschnaufte für einen Moment. Ich musste es nur noch bis zum Wintergarten schaffen, dann würde Mutter mich nicht erwischen. Ich biss die Zähne zusammen und hüpfte auf einem Bein nach hinten. Ich war noch nie so glücklich gewesen die Tür zu sehen. Ich langte nach der Türschnalle.

    Doch die Tür ging auf.

    „Da du es nicht der Mühe wert findest, deinen Sohn zum Essen zu rufen, muss ich das machen!“, hörte ich entsetzt Mutters Stimme und starrte hoch. Ihr braunes Kleid war durch den Spalt zu sehen. Schluckend wich ich zurück und erwartete ihre schimpfende Stimme. Im Hintergrund sagte Atto etwas, er klang erzürnt und Mutter fauchte ihn an.

    Sie sollten sich nicht schon wieder streiten, dachte ich und weitere Tränen rannen über mein Gesicht.

    Dann ging die Tür ganz auf.

    Ich hielt die Luft an und war mir so sicher, dass Mutter zu ihrer Tirade ansetzen würde.

    „Tyelperinquar?“

    Vorsichtig sah ich auf und starrte ihn die grünen Augen Attos, der mich besorgt musterte. Sanft strich er mir über die Haare und wischte die Tränen weg. „Du hast alles gehört, nicht wahr?“, wurde ich gefragt und nickte. „Das tut mir leid! Das hättest du nicht mitbekommen sollen, yondo-ninya.“

    Er sah an mir herab und entdeckte das aufgeschlagene Knie. Ein schmales Lächeln bildete sich auf seinem Gesicht. „Wollen wir das schnell behandeln?“, fragte er leise. „Bitte“, wisperte ich und schlang meine Arme um seinen Hals. Weitere Tränen und Worte der Reue flossen aus mir heraus. Ich schluchzte wieder, aber ich wollte nicht weinen. Nur aufhören konnte ich auch nicht. Atto hielt mich nur fest und strich beruhigend über meinen Rücken.

    Ich wurde hochgehoben und ins Haus getragen. Mutter begann sofort zu schimpfen, doch Atto sagte etwas und sie war ruhig. Ich vergrub mein Gesicht nur an Attos Hals und sah nicht auf. Er setzte mich auf der Arbeitsfläche in der Küche ab und ging zum Schrank hinüber. Schniefend beobachtete ich ihn. Ich hörte, wie er in den Schubladen herumkramte und einige Sachen herauslegte. Dann ging er zur Spüle und füllte in eine Schüssel Wasser ein.

    „Es braucht dir nicht leid tun, yondo-ninya“, sagte Atto und begann mit einem Stofffetzen die Wunde auszuwaschen. Ich knabberte an meiner Lippe und sah ihm zu. „Du bist ein Kind und Kinder haben die Angewohnheit sich beim Spielen, die Knie aufzuschlagen oder mit sonstigen Blessuren Heim zu kommen. Was glaubst du, wie meine Brüder oder ich ausgesehen haben?“ Seine Augen leuchteten amüsiert und er tupfte vorsichtig über die Wunde. Es brannte leicht und das Wasser war schon ganz rötlich-braun. „Wir sind teilweise mit gebrochenen Armen oder auch Füßen zurückgekommen.“, erzählte er lachend und schraubte einen Tiegel auf.

    „Wirklich?“, fragte ich leise und sah ihn groß an. Er lächelte und küsste mich auf die Stirn. Er schob etwas den Ärmel hoch und zeigte mir einen feinen, hellen Stich, der sich über seine Armbeuge zog. „Findárato und ich haben einmal, als wir etwas älter waren als du, ein Pferd aus dem Stall ‚geklaut‘ und sind damit ausgeritten. Wir hätten es eigentlich gar nicht tun dürfen, was wir sehr schnell selbst festgestellt haben.“, begann er zu erzählen und sein Blick war in die Ferne gerichtet. „Wir kamen in ein Gewitter und das Pferd lief vor Schreck davon. Aus Wut, und weil ich ihm ungerechterweise die Schuld dafür gab, schubste ich Findárato und er stürzte den Hang des Hügels runter, auf dem wir waren. Ich wollte ihn nicht verletzen, aber er stürzte unglücklich. Das Ergebnis unseres Abenteuers waren lauter Kratzer, ein verstauchter Fuß, ein aufgeschlagenes Knie bei Findárato, einen langen Schnitt bei mir“, Atto zeigte auf den Strich, „und jede Menge Schrammen und blaue Flecken bei uns beiden.“ (1)

    Ich kicherte leise und auch Attos Augen leuchteten erheitert. Einen anderen Fetzen tränkte er mit Arnika und drückte ihn auf mein Knie. Ich sog scharf die Luft ein, aber ich hielt ganz still. Atto schaute mich ganz stolz an und der Schmerz war komplett vergessen. Ich grinste und sah ihm zu, wie er vorsichtig das Knie verband und dann einen Kuss darauf hauchte.

    „Besser?“, fragte er und lächelte verschmitzt. Ich liebte es, wenn Atto so lächelte. Er sah dann so glücklich aus. Ich nickte wild und streckte das Bein aus. Es ziepte, aber es war besser. „Na dann, was hältst du von Mittagessen?“ „O ja!“, quietschte ich begeistert und mein Magen knurrte freudig auf. Atto hob mich wieder runter und ging mit mir ins Esszimmer, wo alle schon warteten. Táramme lächelte und winkte mir zu, während Táratto mit hochgezogener Augenbraue mein Knie betrachtete.

    Atto setzte sich und hielt mich immer noch fest. Als ich zu Mutter sah, wusste ich auch warum. Sie war wütend und schaute grimmig aus. „Warum lässt du ihm das durchgehen?“, fragte sie und funkelte ihn an. „Weil unser Sohn ein Kind ist. Kinder spielen nun einmal und können sich dabei verletzen“, antwortete er ruhig, aber bestimmt. „Deswegen heißt das noch lange nicht, dass er nicht mehr aufpassen soll, Curufinwë!“

    Ich schluckte und drückte mich an Atto. Wieso musste sie immer wieder damit anfangen. Atto hatte schon so oft dieses Gespräch mit ihr gehabt. Auch meine Onkel sahen wenig begeistert aus. Onkel Cáno verdrehte die Augen, während die Zwillinge Grimassen schnitten. „Er ist ein Kind, melisse!“, sagte Atto und tat sich etwas auf den Teller. „Und ich werde nicht beim Essen mit dir Dinge diskutieren, die ich schon tausendmal mit dir durchgekaut habe. Er ist kein Erwachsener, sondern ein kleines Kind von nicht einmal zwei Jahren.“

    Mutter wollte etwas erwidern, doch Atto hob die Hand und sie verhielt sich ruhig. Ihre Augen funkelten zornig. Sie hatte eisiggraue Augen, manchmal hatte ich das Gefühl sie hatte mich gar nicht lieb, wenn sie mich so böse ansah. Verwirrt beobachtete ich, wie ihre Augen immer nebliger wurden. „Atto?“ Er sah zu mir und runzelte die Stirn. Ängstlich zeigte ich auf Mutter. „Siehst du das auch?“, wisperte ich und bemerkte die eigenartigen Schlieren, die aus ihren Augen kamen. Nachdenklich sah er zu mir und dann zu Mutter. „Was meinst du, Tyelperinquar, yondo-ninya?“

    Atto schien verwirrt zu sein. Er starrte in ihre Augen und schien nicht zu sehen, was ich sah. Die Schlieren wurden richtig pechschwarz, was mich erzittern ließ. Atto beugte sich vor, damit niemand außer ihm mich hörte. „Die Schlieren…“, flüsterte ich und starrte auf Mutter. Immer mehr neblige Finger kamen aus ihr heraus. Attos Blick wanderte zu ihr und seine Augen suchten diese Schlieren.

    Ich sah zu ihm hoch.

    Seine Augen begannen sich zu weiten.

    Mittlerweile überzog der Nebel die andere Tischseite. Es war verräterisch ruhig. Ich zitterte und drückte mich an Atto. Meine Hände hatte ich in seinem Hemd vergraben. „Meinst du den Nebel?!“, fragte er fast unhörbar und ich nickte. Er sah zu Táratto, doch der war schon von dem Nebel verschlungen worden. Ich hatte Angst.

    Atto stand auf und hielt mich fest. Doch kaum, dass er vom Tisch wegging, kam immer mehr von den Dunstschleiern und strömten in unsere Richtung. Atto erstarrte, doch dann rannte er hinaus. Ich hörte Rauschen und seine Schritte. Meine Arme hatte ich um seinen Hals geschlungen. Verängstigt bemerkte ich die Welle, die sich hinter uns aufbäumte und uns hinterher jagte.

    Ich verbarg mein Gesicht an Attos Schulter.

    Sie würde jeden Moment da sein.

    Und das war sie auch…

    ~*~*~*~*~

    (1) Eine kleine Hommage an Baralins wundervolle Geschichte "Misstrauen, Freundschaft und Verrat". Ich kam nicht umhin genau dieses Erlebnis mit einzubauen. :D

    Namen:

    Teaníro = (Q) Träne der Straße
    Sulchen = (S) Windkind

    Mairemár: Eine Quenya-Kreation von mir und Myne. Da es keinerlei Hinweise von Tolkien gibt, wie die Stadt Curufins und Celegorms in Himlad heißt und wo sie liegt, haben wir uns diesen Namen zusammengesetzt. Wörtlich heißt es Heim der Kunst, doch da - wie auch im Dt. - solche Singularbegriffe gerne in den Plural gesetzt werden, nennt Celebrimbor es logischerweise Heim der Künste.


    _______________________________________________________________________________________________________________________________________________________



    Mist! Die Akkus von meinem Heiligenschein sind schon wieder leer!

    Nur die See kennt die Herzen derer, die in ihr aufgehen.
    Auf ihrem Grund werden ihre Träume ruhen, in ihrer Größe ruhen ihre Kräfte.
    Doch ihre Wogen erst machen die Leidenschaft der Seelen unvergessen.
    Unvergessen solange, bis sie aus ihrer Tiefe emporsteigen und in Ruhme und Glanze neu erstrahlen. - Captain Jack Sparrow

    The DA Sons of Feanor: Maedhros, Maglor, Celegorm, Caranthir, Curufin, Amrod & Amras
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    Naira

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    Re: Nebelträume

    Beitrag von Naira am Sa Jul 23, 2011 4:26 pm

    Huhu,

    ja ich bin's! Mit einem neuen Kapitel! Hat etwas länger gedauert, auch weil eine Idee mich nicht losgelassen hat. Aber hier ist es.

    Kurze Einleitung:

    Da ich die Größeneinheit Rangar verwende, soll sie kurz erklärt werden. Rangar ist eigentlich eine númenorische Einheit. Da ich aber diese auch bei ardapedia.de beim Artikel über Galadriel gefunden habe, wo Galadriel 2 Rangar groß sein soll, verwende ich sie auch als elbische Einheit, d.h. bei mir haben die Númenorer diese von den Elben übernommen.

    1 Ranga = ca. 96,52 cm

    Aja, damit keine Verwirrung aufkommt.

    [S] Celebrimbor = [Q] Tyelperinquar --> Kurzform bei mir Celeb.

    Somit viel Spaß mit dem neuen Kapitel, über Rückmeldung - egal welcher Art - würde ich mich natürlich sehr freuen!!

    Begegnungen


    Schreiend erwachte ich. Orientierungslos sah ich mich um und setzte mich auf. Dunkelheit hüllte das Zimmer ein und malte dunkle Schatten mit nebligen Fingern an die Wand. Meine Hände zitterten und ich griff mir an die Kehle. Noch immer spürte ich, wie sie überdehnt wurde, sich der Nebel seinen Weg gleich einer gefräßigen Schlange hinunter zwängte und mich erstickte. Nervös fuhr ich mir übers Gesicht und strich die Decke glatt. Alles nur, um wieder ruhig zu werden.

    Kalter Schweiß rann meinen Nacken hinab, mir schien ein kühler Luftzug durch das Zimmer zu wehen, der mich erschauern ließ. Mir war schlecht, ich fühlte mich zum allerersten Mal wirklich krank. Ich lachte auf, wegen dieser Ironie. Wir Eldar und krank! Immer wieder tauchten Fetzen des Traums in meinen Gedanken auf und schüttelten mich.

    Was in Erus Namen bedeutete dieser Albtraum?!

    Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Ich hatte seit Jahrhunderten keinen Albtraum mehr gehabt, der letzte war wenige Jahre nach der Schiffsverbrennung in Losgar gewesen. Losgar… es war auch in diesem Traum vorgekommen, auch wenn nur angedeutet. Es war ein Erlebnis, das mich selbst jetzt noch aus dem Gleichgewicht brachte.

    Unsicher griff ich nach meiner Kette und hielt sie umklammert. Ich entließ zittrig die Luft, die ich unbewusst scheinbar angehalten hatte. Die unbegründete Angst, dass der Anhänger weg wäre, hatte mich ergriffen. Er war ein kleiner Schimmer Hoffnung für mich. Ein Geschenk von Vater, um mich immer zu erinnern, wo ich hingehörte und wo ich willkommen war. Ich betrachtete den kleinen silbernen Stern, der in meiner Hand lag. Feingeschliffener Kristall, kunstvoll in Form gebracht. Ich wusste, welch ungeheurer Zeitaufwand in so einer Arbeit lag. Umso mehr liebte ich dieses Stück. Ein Strahlenstern.

    Mein Atem wurde langsam regelmäßiger. Ich stand auf und ging zu meinem Schreibtisch hinüber, um mir ein Glas Wasser aus dem Krug einzuschenken. Es beruhigte meine Nerven. Trotzdem war ich zu unruhig, um noch einmal zu schlafen. Ein bitteres Lächeln hob meine Lippen. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre noch ein kleines Kind, in der Lage bei einem Albtraum zu Vater zu gehen, um Trost zu finden. Die Zeiten waren schon so lange her…

    Ohne noch weiter nachzudenken zog ich mich an und ging in Richtung der Schmieden. Ich würde endlich mit den Stahltoren beginnen und die Zeit nutzen, die bis zum Frühstück verblieb. Die Gänge Nargothronds waren verschlungen und wundervoll hergerichtet. Ich erinnerte mich nur zu gut daran, wie Onkel Findárato Vater und mich gebeten hatte beim Aufbau des Reichs zu helfen und wir zum ersten Mal nach Nargothrond kamen und den schon begonnen Bau betraten. Die Reise hierher war eine einzige Katastrophe gewesen. Ich spürte, sobald ich nur daran dachte, noch immer die Schmerzen in meinem Rücken und in meinem Kopf.

    ~*~


    Regen plätscherte und ließ mich leicht zittern. So sehr ich ihn auch liebte, war er mir dieses Mal zu kalt. Viel fehlte nicht mehr, und es würde schneien. Die Feuchtigkeit kroch einem unter Haut und die düstere Stimmung, hervorgerufen durch den Nebel und die Düsternis, die sich langsam ausbreitete.

    Ich wünschte mir, dass wir schon in Nargothrond, wie Onkel Findárato sein neugegründetes Reich nannte, wären. Sicher im Trockenen. Wasser tropfte von meiner Kapuze. Der Mantel war schon vollkommen durchtränkt und lag schwer am Körper an. Seit Tagen reisten wir durch Beleriand, an Doriaths Südgrenze vorbei. Mitten durch die Sümpfe am Sirion, auch Aelin-uial genannt, die ich verfluchte. Ilúvatar, mir war noch nie so eine grauenhafte Gegend begegnet!

    Jeder Schritt musste erst abgewogen und überprüft werden, wenn man nicht auf ewig darin verschwinden wollte. Die Mücken, das ständige Gequake und die Schreie der dort lebenden Tiere hatten mich halb in den Wahnsinn getrieben, während Vater nur gelächelt hatte und sarkastisch meinte, dass das hier der richtige Ort zum Siedeln wäre. Es war mir ein Rätsel, wie er so ruhig hatte sein können.

    Es quatschte bei jedem Schritt von meinem Pferd leise. Missmutig bemerkte ich wie der Wind langsam auffrischte und uns entgegen wehte.

    „Es ist nicht mehr weit“, sagte Vater und sah zu mir herüber. Sein Gesicht war maskenhaft und Strähnen nassen schwarzen Haares hingen ihm hinein. Er deutete nach vorne. Der Gebirgszug, der immer zu unserer Linken war, zog sich immer mehr vor uns hoch. Im Südwesten erkannte ich den Amon Ethir, hinter dem sich der Narog in die südlichen Tieflande und den Taur-en-Furoth ergoss. Ich seufzte. Dieses Gebirge und den Narog mussten wir auch noch überqueren, aber es war tatsächlich nicht mehr weit. Das Gebirge erhob sich in weniger als zwei Meilen entfernt, der Übergang war selbst auch nicht mehr als anderthalb Meilen Luftlinie.

    Ergeben nickte ich und übte mit den Schenkeln Druck aus. Der Weg über das Gebirge würde lange dauern, da die Pfade nicht befestigt und vor allem sehr verschlungen waren. Mein Onkel hatte eine genaue Beschreibung für die schwierigsten Abschnitte unserer Reise angefertigt, sprich die Sümpfe und das Gebirge.

    Ich war immer noch leicht verärgert, dass wir diese Route genommen hatten, und nicht die nördliche. Vater konnte teilweise furchtbar stur sein. Überrascht sah Vater mir nach und folgte mir. Wenn wir schon einen längeren Gebirgsaufenthalt hinnehmen mussten, dann wollte ich die restliche Zeit nicht verschenken, sondern sofort dort sein.

    Am Fuße der Berge zügelte ich meine Stute und stieg dann ab. Nachdenklich sah ich hoch, dort wo der sichtbare Pfad endete. „Du kannst es wohl kaum erwarten nach Nargothrond zu gelangen“, hörte ich die warme, aber erschöpfte Stimme hinter mir. Vater war ebenso abgestiegen und stellte sich neben mich. Unsicher blickte ich wieder hoch. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir heute noch die Berge überqueren sollten. Es ist jetzt schon sehr düster und nebelig dazu. Ich fürchte, es könnte zu gefährlich werden“, erklärte ich meine Sorgen und wartete auf eine Antwort. Er nickte nur und musterte den Pfad. „Zu verweilen wäre zu gefährlich.“ Überrascht blickte ich zu ihm.

    „Fin schrieb von Bergtrollen, die des Nachts nach Wanderern suchen, und von Steinriesen. Sie halten sich zwar vom Gebiet Nargothronds fern, aber gerade hier auf der anderen Uferseite, scheinen sie zu oft gesehen worden zu sein. Weswegen er eindringlich davon abgeraten hatte hier zu rasten. Ich würde dir normalerweise zustimmen, aber du hast noch keinen Bergtroll gegenübergestanden. Man hat zu zweit schon mit einem Exemplar mehr als genug zu tun, nur wenn sie dann vermehrt hier herumstreifen und womöglich in Gruppen Jagd machen, will ich nicht dort sein oder von ihnen überrascht werden“, erklärte er leise und beruhigte seinen Hengst, der unruhig auf der Stelle trat. Ich presste die Lippen zusammen. Das machte die Pläne von einer Suche nach einem trockenen Rastplatz zunichte.

    „Es gibt keine…“ „Nein, sie riechen dich auf zwei Meilen, Tyelperinquar, die Pferde sogar auf eine noch größere Entfernung.“, unterbrach er mich und legte eine Hand auf meine Schulter. Ich fröstelte. „Wenn du hättest rasten wollen, hättest du zwei Meilen vorher halten müssen, da sie nur ungern solche Distanzen auf sich nehmen, um Beute zu erlegen.“ Ein schiefes Grinsen legte sich auf sein Gesicht. „Sehr witzig, Atto, dann hätten wir uns auch gleich im Sirion ertränken können!“, fauchte ich gereizt. Sein Blick war durchdringend. „Naja, die Vorstellung hat was, mich würde wirklich interessieren, wie die Fische dort leben und ihre Nahrung finden. Gerade weil dort der Sumpf ist und der Sirion sich in einem Wasserfall ins Tiefland ergießt.“

    Wenn Blicke töten könnten…

    Vater begann schallend zu lachen. „Elennya, sei nicht so kritisch! Wir schaffen die Strecke. Findárato hat eine eigene Karte mit den einzelnen Wegen dem Brief beigefügt.“ Seine Augen funkelten vergnügt und er stieg in den Steigbügel. „Natürlich, wir sehen ja auch jedes Detail und können uns auch wunderbar orientieren!“, meinte ich und folgte seinem Beispiel. „Mir wäre es neu, dass wir Menschen sind, mein Sohn.“

    Ich stöhnte und folgte ihm. Der Pfad vor uns war steinig und rutschig. Gilraen wieherte leise und empört auf, als ich sie vorantrieb. Unruhig betrachtete ich die Umgebung, die sich kaum, das wir an das von unten vermeintliche Ende des Wegs erreichten. Tiefe Schluchten erstreckten sich vor uns, Abschnitte voller Steinsäulen, die spitz in die Höhe ragten, und steilen Felswände neben uns, die fast senkrecht waren. Aus der Ferne vernahm ich ein Grollen und sah ein Aufleuchten am Himmel.

    Wundervoll, jetzt wurde aus dem Regenguss auch noch ein Gewitter. Seufzend zog ich den Mantel enger um mich. Der Pfad schlängelte sich um die einzelnen Berge herum, mal verlief er in die Höhe, mal in die Tiefe, ebenso wie er schmaler oder breiter wurde. Irgendwann, nach tausendmaligen Stolpern meiner Stute, wurde der Pfad zu schmal, um noch weiter zu reiten. Geschwind stieg ich ab und zwängte mich an Gilraen vorbei, um sie von nun an zu führen. Mein Gepäck nahm ich sicherheitshalber selbst. Morion vor mir wurde immer unruhiger und sträubte sich. Ich hörte zwar, dass Vater mit ihm redete, aber ich verstand nicht mehr was.

    Der Wind pfiff hier zu laut und das Donnern in der Ferne rückte immer näher. Es wurde immer dunkler. Die Berge waren nur mehr schemenhaft zu erkennen, während der Nebel, und hierbei stellten sich mir die Haare auf, leicht bläulich leuchtete. Vater führte uns nun auf einen Pfad, der hinab ging. Der Boden war glitschig und ich musste mehr als nur einmal um mein Gleichgewicht kämpfen. Mittlerweile war der Wind so stark, dass er an meinen Kleidern zerrte und nicht gerade dazu beitrug, dass ich schnell das Gleichgewicht wieder fand.

    Hinter uns fielen Steine in die Tiefe und zersprangen mit ohrenbetäubendem Knall. Ich schluckte leicht. Aus den Augenwinkeln nahm ich auf der anderen Seite der Schlucht eine Bewegung war. Scharf sog ich die Luft ein und drehte mich endgültig in die Richtung.

    Da war nichts…

    Unsicher und verwirrt blieb ich stehen. Ich war mir sicher, dass ich etwas gesehen hatte. „Tyelperinquar!“ Schnell ging ich weiter und schloss den Abstand zwischen mir und Vater. Besorgt sah er mich an. „Ich dachte, ich hätte auf der anderen Seite“, und damit zeigte ich zu der Stelle, „etwas gesehen. Ich habe mich wohl getäuscht. Das Wetter, die Geräuschkulisse und meine wohl etwas sensiblen Sinne scheinen mir einen Streich gespielt zu haben.“

    Ein Blitz erhellte das Gebiet und ließ Vaters Augen gespenstisch aufleuchten. Er lächelte nicht mehr, noch beruhigte er mich. „Ich kann nicht ausschließen, dass du tatsächlich etwas gesehen hast“, meinte er und betrachtete abschätzend die Gegend. Seine Kapuze war ihm herunter gerutscht. „Beobachte die Umgebung weiterhin genau!“ Ich nickte nur und folgte ihm. Ohne genau zu wissen warum ich das tat, nahm ich das Gepäck von Morion und schulterte es.

    Ein Blitz und ohrenbetäubender Knall zerrissen die Luft. Morion stieg und riss sich los. Der Wind heulte um die Kurve und brüllte durch die feinen Spalten im Gestein. Gilraen wieherte verängstigt, doch ich hielt die Zügel fest und bestimmt, redete auf meine Stute ein und strich ihr über die weichen Nüstern. Als ich mich umdrehte, sah ich nur mehr, wie Morion mit einem Huf an der Kante abrutschte und in die Tiefe stürzte. Entsetzt lief ich nach vorne, wo Vater bereits fassungslos am Abgrund kniete und seinem treuen Weggefährten nachblickte.

    Als ich ebenfalls nach unten schaute, verstand ich seine Fassungslosigkeit. „Somit hat auch sein Opfer einen Sinn“, murmelte Vater und stand auf. Vorsorglich ergriff ich seinen Arm. Seine Augen waren geweitet, voller stummer Trauer und tiefster Sorge. „Wir müssen uns beeilen!“ Er drehte sich um und deutete mir zu folgen. „Welch Schande, dass das gute Werkzeug verloren ist.“ Überrascht hielt ich inne. „Atto“ Er drehte sich zu mir um. Ich nahm die Tasche von meiner Schulter und hielt sie ihm hin. „Dein Gepäck!“, meinte ich und grinste.

    Dankbarkeit und Anerkennung war in seinem Gesicht zu erkennen. Er lächelte schwach. „Eile tut nun wirklich Not. Danke!“, sagte er und ging voraus. Ich nickte und beobachtete weiterhin die Gegend. Immer wieder blitzte und donnerte es. Gilraen war zwar immer noch unruhig, doch sie schien sich daran gewöhnt zu haben. Sie reagierte nicht mehr vollkommen verängstigt oder versuchte sich gar loszureißen. Ich dankte den Valar.

    Plötzlich krachte direkt über mir ein Felsbrocken an die Wand und Gilraen riss mich vorwärts. Entsetzt starrte ich auf die Stelle, an der ich zuvor noch gestanden hatte. Felstrümmer lagen herum. Gilraen zog immer noch an mir und den Zügeln.

    Ich hätte tot sein können, schoss mir durch den Kopf und ließ mich erzittern. Ich folgte nun Gilraens Ziehen und lief die Strecke nach unten mehr, als dass ich ging. Vater war schon sehr viel weiter. Immer wieder konnte ich eine hochgewachsene Gestalt auf der anderen Seite erkennen.
    Steinriesen

    Jetzt war mir auch klar, was mich vorhin fast getötet hätte. Der Weg wurde wieder breiter und auch Vaters Gestalt kam näher. Seine Haare lagen klatschnass am Kopf an und er stand an die Wand gelehnt mit hochgezogener Augenbraue. Atemlos kam ich vor ihm zu stehen. „Welcher Scherge Morgoths hat dich denn gejagt?“, wurde ich gefragt und ich stütze mich für einen Moment auf den Oberschenkeln ab. „Steinriesen“, meinte ich tonlos. „Scheinen ein Faible fürs Steinzielwerfen zu haben. Bevorzugt alles, was sich bewegt.“ Ohne es zu wollen ging meine Stimme etwas in die Höhe. „Verdammte Biester!“, fluchte ich nur, als Blut auf meine Hand tropfte. Rote Schlieren, die sich über meinen Handrücken verteilten.

    „Lass sehen!“, verlangte Vater und ich sah zu ihm hoch. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich kam mir vor, wie ein junger Mann auf seiner ersten großen Reise, dabei war das ganz sicher nicht der Fall. Er kramte aus seiner Tasche ein sauberes Tuch hervor und hielt es an meinem Hals, wischte vorsichtig das Blut und das Wasser weg. „Atto, ich bin kein…“ „Du hattest mehr als nur Glück, yondonya, denn der Splitter, der dir die Haut aufgeschlitzt hat, verfehlte nur knapp die Halsschlagader“, sagte er und ignorierte, was ich sagen wollte.

    Vorsichtig wischte er wieder über den Schnitt und musterte ihn besorgt. Erst dann band er das Tuch fest um meinen Hals. „Das muss halten bis wir über dem Narog sind.“ Er wollte schon gehen, doch ich ergriff seine Hand. „Danke!“, wisperte ich und drückte kurz zu. Er lächelte kurz. Er wies nach rechts, wo der Weg sich gabelte. „Wenn wir dort nach links gehen, sind wir schneller. Wir haben die Hälfte der Strecke hinter uns, doch der gefährlichste Abschnitt liegt noch vor uns. Laut Berichten von Spähern sollen dort vorne die meisten Trollhöhlen liegen und das Gelände ist dort abschüssig.“ Ich verdrehte die Augen.

    „Und ich dachte, es wäre schon abschüssig“, murmelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart. „Wenn dein Onkel schreibt abschüssig, dann kannst du davon ausgehen, dass es das vorhin nicht war“, kam die Antwort. Ich seufzte. Ich hätte vielleicht doch auf Gold setzen sollen, Vaters Ohren waren zu gut.

    Je weiter wir gingen, desto unruhiger wurde ich. Aber auch Gilraen zeigte sich immer widerspenstiger. Nervös ließ ich den Blick über die Felswände und die andere Seite schweifen, warf auch immer wieder einen Blick hinter mich, damit uns auch nichts von hinten überraschten konnte.

    Energisch wischte ich mir das Wasser aus den Augen, das dauerhaft aus meinen Haaren in mein Gesicht rann. Mein Herz schlug hart in meiner Brust und ein beklommenes Gefühl machte sich immer mehr in mir breit. Ich hasste dieses Gefühl, das sich im Nachhinein immer als Vorahnung herausstellte.

    Immer wieder wurden die Bergwände von Blitzen erhellt, Eingänge waren zum Erkennen und das Donnern ließ mich langsam aber sicher auch zusammenzucken. Nicht, dass ich Angst vor Gewittern hatte, ich hatte von Vater die Liebe dafür geerbt, nein, es war das Donnern der Felsen, die von den Steinriesen geworfen wurden, die an den Hängen zersplitterten und hinabrollten. Vaters Schritte wurden mit der Zeit immer schneller, der Weg fiel immer mehr ab und das Gefühl wurde immer stärker, dass es nicht mehr lange dauerte.

    Verwirrt blieb ich stehen. Was sollte nicht mehr lange dauern. Mit einem Blick stellte ich nichts Ungewöhnliches fest. Ich ging wieder weiter. Unter das Donnern und das Rauschen des Regens hatte sich noch etwas gemischt. Ich konnte es erst nicht zuordnen, aber dann wurde es auch lauter. Das Rauschen fließenden Wassers. Ich atmete erleichtert durch. Ich lief, die Zügel fest in der Hand, und schloss die Distanz zwischen Vater und mir.

    „Hörst du das Rauschen auch?“, fragte ich und konnte die Erleichterung darüber nicht gänzlich verbergen. Sein Blick war undeutbar, doch er nickte nur. „Wir müssen ab der nächsten Biegung leise sein.“, sagte er nur. Ich war etwas konsterniert. Man würde uns bei dem Lärm niemals hören, zumal keiner vorhatte auf sich aufmerksam zu machen. „Ab dort beginnen die ersten Trollhöhlen.“, ergänzte er und wurde langsamer, als wir die Biegung erreichten.

    Mit Staunen nahm ich das Panorama wahr, welches sich, trotz der Dunkelheit und des Regens, vor uns ausbreitete. Die Berge gaben den Blick auf den Narog frei, der sich seinen Weg durch das Tal und dann durch das Gebirge fraß und sich beinahe schon pechschwarz auf der anderen Seite ins Tiefland stürzen würde. In der Ferne erblickte ich Türme, die sich im Licht der Blitze in den Himmel streckten. Das war wahrscheinlich Nargothrond.

    Ich stellte meine Tasche ab und holte ein großes Stofftuch heraus. Ich schnitt es mit meinem Dolch in vier Stücke und band es mit einer Schnur um Gilraens Hufe. Es würde das Geräusch dämpfen, das bei jedem ihrer Schritte zu hören war. Ich ging lieber einmal zu viel sicher, als dass ich später das Nachsehen hatte. Sie schnaubte und vergrub ihr Maul in meinem Nacken. Ich verdrehte die Augen. Ich hätte es voraussagen können, dass sie das machen würde.

    Ich nahm das Gepäck und ging nun langsamer. Gilraen war kaum noch zu hören und ich lächelte zufrieden. Doch das verging mir. Der Nebel, der sich vorher durch den starken Regen verzogen hatte zog wieder auf. Bedrohlicher denn je kletterte er die Hänge hoch und strahlte im tiefsten Blau. Ich beschleunigte meine Schritte. Ich hatte das Gefühl, das etwas mit dem Nebel nicht stimmte. Ich mochte mich täuschen, beeinflusst durch die momentane Situation, doch… ein Stein krachte vor mir in die Wand und Vater machte einen Satz nach vorne, nur um entgeistert auf die Trümmer zu blicken.

    Ich lächelte missglückt. Meine Augen hatten sich wahrscheinlich ebenso geweitet wie seine. Er schluckte und begann die Stücke soweit wegzuschieben, dass Gilraen problemlos durch konnte. Zittrig atmete ich aus.

    Schnell gingen wir weiter. Plötzlich blieb Vater stehen, die Stirn gerunzelt. Ich trat zu ihm und beugte mich zu seinem Ohr. „Was ist los?“ Er deutete erst zum Narog. Ich kniff die Augen zusammen, doch ich konnte nichts erkennen. „Dort vorne“, er zeigte etwas höher, „ist die Furt, wo wir rüber müssen. Wenn wir auf der anderen Seite sind, sind wir sicher. Dorthin wird uns kein Troll folgen.“ Dann deutete er nach oben. Ich folgte seiner Hand.

    Da war nichts. Doch dann hörte ich ein Knirschen und blickte entsetzt zu Vater. Er nickte nur. Lautlos formte ich mit den Lippen ‚Wie viele?‘ und er hob einen Finger plus einen halben. Einer, möglicherweise zwei. Er war sich nicht sicher. Wir folgten dem Pfad weiter und immer wieder sah ich nach oben. Wir kamen zu einer Höhle. Vorsichtig sah ich hinein, doch sie schien leer zu sein. Das konnte aber auch täuschen. Meine Finger berührten die Wand und fuhren über die raue Oberfläche.

    Ein Krachen ließ mich herumfahren und ich starrte auf die Gestalt, die sich in der Dunkelheit erhob. Ich wich zurück und Gilraen wieherte verzweifelt auf und zog an den Zügeln in die Richtung in die wir auch weiterhin mussten. Bestürzt bemerkte ich, wie groß der Troll war. Über fünf Rangar, wenn ich mich nicht ganz täuschte.

    Und dann kam er.

    Ich fluchte leise, machte auf dem Absatz kehrt und rannte hinter Vater her. Ich wollte nur mehr so schnell wie möglich auf die andere Seite des Flusses. Innerhalb kurzer Zeit war ich bei ihm, hinter mir die donnerten Schritte dieses Monsters. „Wir müssen so schnell wie möglich ins Tal!“, rief ich ihm zu und er drehte sich überrascht um, nur um die Gestalt hinter mir zu entdecken. Wir liefen den Weg entlang, bei der nächsten Kreuzung nach links hinab. Immer wieder rutschte ich auf dem Schotter weg und holte mir Schrammen auf den Knien und Händen.

    Wie konnte etwas so Schwerfälliges so schnell sein?! Der Koloss hatte nicht wirklich beweglich ausgesehen. Unterschätze nie deinen Feind!! Wir hatten fast das Tal erreicht, als sich direkt bei der nächsten Biegung ein weiteres Monster vor uns auftat. Noch größer, als das hinter uns. Entsetzt kam ich schlitternd zum Stehen. Vater hatte seinen Bogen gespannt und zielte auf eines der Augen.

    Wenn wir Glück hatten, verschaffte uns das die Zeit an ihm vorbei zu flüchten. Der Nebel, der sich hier auch ausbreitete, würde sein Übriges tun. Und tatsächlich, Vater traf und der Troll heulte vor Schmerz auf und hielt sich die Pranken vor das Auge, in dem der Pfeil steckte.

    Ich lief an der massigen Gestalt vorbei, zog meine Stute hinter mir her, die, ob des wundervollen Odeurs, halb durchdrehte. Mit einem Blick erkannte ich, dass sie vor Panik die Augen verdrehte. Nervös zog ich immer mehr an den Zügeln und sie folgte endlich.

    Ich hatte Gilraen fast an der Bestie vorbei, als ich einen Schlag spürte. Ein Schrei entkam mir und ich spürte den Wind in meinen Haaren. Rasender Schmerz breitete sich in meinem Kopf aus. Ich schlitterte über den Boden und kam erst nach einer Ewigkeit zum liegen. Verschwommen sah ich Gestalten über mir und hörte meine Stute verzweifelt schreien. Vater brüllte etwas, doch ich verstand es nicht mehr. Stechend breitete sich der Schmerz über den Hinterkopf nach vorne aus. Vorsichtig tastete ich über meinen Kopf. Gebrochen schien nichts zu sein, aber eine Gehirnerschütterung war wahrscheinlich.

    Stöhnend drehte ich mich zur Seite und stützte mich am Boden ab. Ich blinzelte und drückte mich hoch. Verzweifelt schloss ich die Augen und lehnte mich gegen die Felswand. Es drehte sich alles. Plötzlich spürte ich eine kalte Schnauze und riss die Augen auf. Gilraen stand vor mir, zitternd und verängstigt. Sie drehte sich so, dass der Steigbügel vor mir war. Erleichtert krallte ich mich am Sattel fest und zog mich mühsam hoch.

    Der Regen nahm mir die Sicht und der Nebel, der über den Boden waberte. Ich sah verschwommen die Gestalten der Trolle und dazwischen immer wieder einen Schatten. Das musste Vater sein. Erschöpft hielt ich mich am Sattelknauf fest. „ATTO!!“, schrie ich so laut ich noch konnte, ohne dass mein Kopf vor Schmerz explodierte. Der Schatten kam auf uns zu und schwang sich hinter mir aufs Pferd. Ein Ruck ging durch meinen Körper und Gilraen preschte vorwärts. Ich biss die Zähne zusammen und verdrängte den Schmerz. Starke Arme schlangen sich fest um meinen Körper und nahmen mir die Zügel aus den steifen Fingern. Ich spürte nur mehr wie es abwärts ging.

    Und dann waren wir im Tal.

    Ich spürte wie Vater erleichtert aufatmete. Er sagte irgendetwas, doch ich nahm es kaum war. Viel zu sehr war ich damit beschäftigt die Schwärze zu verdrängen, die sich meiner zu bemächtigen versuchte. Ich hörte das Rauschen des Flusses und schließlich auch das Platschen, als Gilraen die Furt überquerte. Es war immer noch dunkel, doch plötzlich schien alles nicht mehr gefährlich zu sein. Dankbar sah ich hoch zum Himmel. Es regnete noch immer. Gleichmäßig fielen die Tropfen zu Boden.

    „Wir sind gleich da, halte durch!“, flüsterte Vater in mein Ohr und ich nickte erschöpft. Meine Glieder wurden immer schwerer und ich selbst immer müder. Es schien mir eine Qual zu sein, noch länger die Augen offen zu halten, obwohl mir die Lider schon beinahe zufielen. Doch Atto, nein Vater… ich seufzte leise und konzentrierte mich auf den Körper hinter mir. Ich war erwachsen, dachte ich trotzig… aber ich fühlte mich so unendlich schwach.

    Eine halbe Ewigkeit später drangen Stimmen zu mir durch und ich spürte, wie ich heruntergehoben wurde. Meine Beine gaben nach. Atto sagte etwas und Arme hielten mich fest. Irgendwer sagte, wir wären in Sicherheit. Mein Blick wanderte wirr über die Gestalten, die nur mehr aus verschwommenen Umrissen bestanden. Plötzlich war der Regen weg und ich war in einer gewaltigen Eingangshalle. Sprachlos kniff ich die Augen zusammen, blinzelte mehrfach, um besser zu sehen. Gewaltige Arkaden, wie ich es noch nie gesehen hatte, stützten die Decke. Im hinteren Teil waren beginnende Bogengänge zu erkennen, ebenso wie Ornamente und prachtvolle Gesimse die Säulen zierten.

    Für einen kurzen Moment war der Schmerz vergessen, der mir die Sinne nahm und ich betrachtete überwältigt dieses architektonische Wunder unter der Erde. Für einen Moment schien alles still zu stehen. Doch es war schneller vorüber als, ich wünschte, und der Schmerz kam mit doppelter Stärke zurück.

    Ächzend hielt ich meinen Kopf fest und konzentrierte mich darauf nicht ohnmächtig zu werden. Doch die Schwärze überfiel mich.

    ~*~


    Ich öffnete die Tür und trat hindurch. Es war dunkel und nur in der Feuerstelle glosten noch einige Reststück der Kohle. Nachdenklich ging ich hin, am Amboss vorbei und nahm unter dem Ofen ein paar Scheite Holz heraus, legte sie in die Asche und schüttete Kohle nach. Ich legte noch etwa Zunder dazu und nahm das Katzengold und eine der vielen Metallfeilen zur Hand, um das Feuer zu entfachen.

    Ich liebte Feuer seit jeher und es hatte etwas Beruhigendes. Vielleicht lag es auch daran, dass Vater und ich die meiste Zeit in den Schmieden Zuhause in Formenos verbracht hatten. Fasziniert beobachtete ich, wie die Flammen über das Holz und die Kohlen leckten und sie langsam umfingen. Flackernd stoben Funken in die Höhe und bildeten in der Dunkelheit der Schmiede flüchtige Glühwürmchen.

    Ich ging hinüber zu den Blasebälgen und begann das Feuer noch weiter anzufachen. Nach und nach erfüllte Fauchen den Raum. Zufrieden betrachtete ich die lodernde Wand. Aus den anderen Schmieden, die durch Durchbrüche voneinander getrennt wurden, holte ich die Eisenplatten. Sie würden mit Stahlschrott erhitzt werden und der Schlacke von den letzten Verwendungen. Ein stolzes Lächeln glitt über meine Lippen. Ich erinnerte mich nur zu gut daran, wie Vater zufällig auf genau dieses Geheimnis gestoßen war. Verfeinert hatte ich es in den letzten Jahren. Es war schneller und sehr viel effektiver geworden den Stahl zu gewinnen. Ganz davon abgesehen, dass der Stahl sehr viel stabiler war, als Eisen.

    Eines der sechs neuen Flügeltore war schon fertig, heute würden, wenn es sich ausging, zwei weitere folgen. Dann würde die Verzierung beginnen, welche den größten Aufwand bedeuten würde. Ich liebte es solchen Zierrat zu erschaffen, nur der richtige Schlag an der richtigen Stelle, es so anzulöten, das es festsaß - das alles war eine ganz eigene Wissenschaft, die lange Zeit brauchte, um sie zu solcher Vollendung zu bringen.

    Es wurde immer heißer und ich legte mein Hemd ab. Von einem Haken nahm ich die Schürze und legte dann die Eisenplatten in die vorgesehenen Kessel. Der Blasebalg fauchte und Funken stoben wieder auf. Licht kam in die Dunkelheit. Je mehr Zeit verging, desto mehr begannen die Platten zu glühen. Wenn sie flüssig waren, würde die eigentliche Arbeit beginnen, doch bis dahin war noch Zeit. Als ich sah, dass das Feuer heiß genug war, ging ich zu meinem Platz und holte einige der Werke hervor, die ihrer Fertigstellung ausharrten. Es waren mehrere Schmiedestücke, doch etwas hielt mich davon ab diese weitere zu bearbeiten. Viel mehr zog es mich zu den begonnenen Kristallen, die auf eine Form warteten.

    Aus einer der Schubladen holte ich Vaters Buch hervor. Eine Kopie, die ich einst anfertigte. Schnell schlug ich die entsprechenden Seiten auf. So sehr ich auch ein Händchen für die Schmiedekunst hatte, so sehr stellte das Schleifen von Kristallen meine Fähigkeiten immer wieder auf die Probe.

    Konzentriert betrachtete ich die begonnene Arbeit. Zarte Ranken schienen über das stilisierte Herz zu wachsen. Ein Entschuldigungsgeschenk eines Mannes für seine Frau, die er bei mir in Auftrag gegeben hatte. Nachdenklich erhob ich mich und holte eine Schüssel mit Wasser, das entsprechende Schleifpulver und mein Werkzeug. Schnell betätigte ich den Blasebalg und kontrollierte das Eisen. Es begann gerade erst zu glühen.

    Das Schleifpulver rieselte ins Wasser. Die Feile begann über den Kristall zu fahren und mit präzisen Bewegungen die Kanten und Ecken wegzuschleifen, die nicht mehr dazugehörten. Mit einer feineren Schleifscheibe begann ich dann die Form zu geben. Es war ein absolut klarer Bergkristall mit grünen Turmalinen und selten zu bekommen. Den Bergkristall würde ich mit Cabochon-Schliff behandeln, die Turmaline bekämen je nachdem einen Facetten- oder Glattschliff. Es sollte etwas ganz Besonderes werden.

    Immer wieder sah ich nach dem Eisen und fügte je nachdem mehr Brennmaterial hinzu. Der Kristall bekam langsam, aber sicher Form. Konzentriert las ich Vaters Anleitungen durch. Sie waren mit Tipps und Tricks versehen, die mir sehr halfen. Es hatte eben Nachteile, wenn man hauptsächlich zum Gold- und Silberschmied ausgebildet worden war und nicht zum Juwelenschleifer.

    Plötzlich räusperte sich jemand und ich schreckte hoch. Mein Herz klopfte schneller und ich sah zur Tür. „Man kann hier stundenlang stehen und du merkst nichts!“, meinte der Fremde und stieß sich vom Türrahmen ab. Leicht verärgert beobachtete ich ihn. Wer war er, dass er mich einfach duzte. Sein schwarzes Haar fiel locker ins Gesicht und verdeckte die Augen. Er hatte Reisekleidung an, schien somit gerade erst angekommen zu sein. Seine geschmeidigen Bewegungen ließen mich auf einen Krieger schließen. Ein notwendiges Übel in der jetzigen Zeit.
    Ich stutzte, als er sich unwirsch die die Haare hinter sein Ohr strich, welches sofort wieder nach vorne fiel. Zu vertraut war diese Geste, die Haltung der Finger. Der Kristall lag mittlerweile auf dem Tisch.

    „Ihr verhaltet Euch unhöflich“, wies ich ihn darauf hin und stand auf. Erstaunt blickte er auf. „Wieso sollte ich unhöflich sein, Celeb?“ Erzürnt funkelte ich ihn an. Dieser Spitzname war allein meiner Familie vorbehalten. „Dieser Name ist einzig und allein meiner Familie vorbehalten! Wie Ihr dazukommt und es auch wagt mich so zu nennen, ist mir unerklärlich.“ Ich presste die Lippen aufeinander. Das belustigte Lächeln auf seinem Gesicht tat sein übriges um meinen Zorn zu schüren.

    Er hatte ein schönes Lächeln, fiel mir auf. Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Sein Verhalten war ein einziger Affront und ich dachte an sein Lächeln. Wundervoll!

    Graue Augen blitzten schelmisch. Er schnalzte mit der Zunge. „Ts, ts, ts… Celeb, Celeb, Celeb… erinnerst du dich nicht mehr?“, fragte er und grinste amüsiert. „Verschwindet aus meiner Schmiede!“, zischte ich gereizt und ging auf ihn zu. Er war etwa gleich groß wie ich, etwas kleiner vielleicht. Er war schmaler als ich, aber das war kein Wunder. Das Schmieden sorgte für ein muskulöses Kreuz und breite Schultern. Auch wenn es bei mir Eru sei Dank nie so extrem wurde, wie bei manchem anderen.

    Und er hatte den Mut mir direkt in die Augen zu sehen. Etwas, wie Anerkennung machte sich in mir breit. Die meisten mieden meinen Blick, den sie konnten ihm nicht Stand halten. Mutwillig reckte er das Kinn und stemmte die Arme in die Seiten. „Soweit mir bekannt ist, sind dies König Findáratos Schmieden!“

    Sein Blick wanderte über mich. Unangenehm berührt versuchte ich ihn niederzustarren. Was bildete er sich eigentlich ein? Noch dazu, wo ich nicht einmal wusste, wer er überhaupt war. Sein Lächeln veränderte sich und er sah mir wieder in die Augen. „Du erinnerst dich wirklich nicht.“ Seine Augen bekamen ein irgendwie trauriges Funkeln. Es war so vertraut, doch ich kam nicht darauf.

    „Hast du das gesehen? Ich hab es fast geschafft schneller als Sulchen zu sein!!“, sagte er leise und ich schnappte nach Luft. „Artanáro…“, wisperte ich und starrte ihn an. Ein strahlendes Lächeln breitete sich über sein Gesicht aus, weiße Zähne blitzten im Licht des Feuers. Er nickte nur. Schneller als er etwas sagen konnte, hatte ich ihn umarmt und eine Hand in seinem rabenschwarzen Schopf vergraben.

    War es tatsächlich so lange her? War er so schnell herangewachsen? Ilúvatar…

    Ich seufzte und drückte ihn an den Schultern etwas fort, um ihn genauer zu betrachten. Er wirkte unglaublich jung. Der feine Schwung der Wangenknochen, die seine Augen groß wirken ließen. Etwas dünn war er, wenn ich es mir jetzt so durch den Kopf gehen ließ. Die Nase schien mir einmal gebrochen, was mich eine Braue hochziehen ließ. Er hatte doch nicht etwa… „Nicht das, was du denkst!“, kam es trotzig von ihm und er verschränkte die Arme. „Nicht?“, fragte ich amüsiert und berührte vorsichtig den Nasenrücken. „Ein riesiger Ork auf dem Weg hierher mit einem Schild bewaffnet…“ Ich schloss kurz die Augen, um mich zu sammeln. „Und du bist… mitten hinein gerannt?“ Ich sah ihn vorsichtig. Er schlug beschämt die Augen nieder und ging noch mehr in die Abwehrhaltung.

    Wiederholt seufzte ich und strich eine Strähne aus seinem Gesicht. Seit Onkel Findecáno Artanáro vor knapp zehn Jahren zur Küste geschickt hatte, war der Kontakt so gut wie abgebrochen. Etwas, was mich schmerzte. In diesen Jahren hatte er sich sehr verändert. Aus dem schlaksigen Jungen mit dem leichten Hang zur Tollpatschigkeit war ein drahtiger junger Mann geworden, der… nun ja jetzt etwas verwegen aussah.

    Mir gefiel, was aus ihm geworden war.

    „Gut siehst du aus“, meinte ich nur und drückte ihn nochmals kurz an mich. Er lächelte verlegen und fuhr sich nervös durchs Haar. „Danke!“ Ich ging zu meinem Arbeitsplatz und zog einen weiteren Hocker hervor. Ein Blick zur Esse sagte mir, dass die richtige Schmelztemperatur bald erreicht war.

    Er setzte sich und musterte den Kristall, an dem ich vorher noch gearbeitet hatte. „Eine wundervolle Arbeit! Für wen ist es?“, fragte er und fuhr staunend über die Ranken. Ich musterte ihn, bevor ich antwortete: „Für einen Kunden. Er hat anscheinend seine Gemahlin etwas vernachlässigt und will sich damit bei ihr entschuldigen.“

    Verstehend nickte er. Vorsichtig reichte er es mir und sah sich um. Kindliche Neugier und Freude stand ihm ins Gesicht geschrieben und ich konnte nicht anders – ich lächelte sanft. Sein Blick blieb an mir hängen. Faszination ließ die grauen Augen hell leuchten. Für einen Moment verblasste der Albtraum der Nacht und wich unbändiger Freude darüber meinen kleinen Cousin wieder bei mir zu haben.

    Sein Blick wanderte zu dem Kristall und ein versonnenes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.

    „Erinnerst du dich noch, wie wir die Torte zu Lassemistas Vermählung stibitzt haben?“, vernahm ich seine Stimme. Ich begann zu lachen. Eru, das war etwas gewesen! „Wie könnte ich das vergessen?“, meinte ich und lachte wieder. Lassemista war der Berater meines Onkels und etwas… wie soll ich sagen… zu sehr von sich eingenommen und überzeugt. Das Problem, damals war, als Artanáro gerade siebenundzwanzig geworden war, dass Lassemista eine unverständliche Abneigung gegen ihn entwickelt hatte und ihm eine Strafaufgabe gegeben hatte, die mehr als ungerecht war.

    Und mein persönliches Problem war ein kleiner Junge mit viel zu großen bettelnden Augen. Die Krönung der Hochzeit wäre ein Meisterwerk der Backkunst gewesen, das zu Ehren der Braut mit Kristallen geschmückt worden war. Ich räusperte mich. Allein wenn ich daran dachte lief mir das Wasser im Munde zusammen und ich bekam gleichzeitig wieder Bauchschmerzen.

    „Kannst du dich auch noch an Lassemistas Gesicht erinnern?“, grinste mein Cousin und seine Augen begannen wieder zu leuchten. Ich hustete leicht und versteckte mein viel zu breites Grinsen. Ein Tobsuchtanfall war noch relativ angenehm im Vergleich zu Lassemistas Laune damals, als er feststellen musste, dass die Torte weg war – die Kristalle aber fein säuberlich in einer Reihe auf dem Platz lagen, wo eigentlich die Hochzeitstorte stehen sollte. Ilúvatar, ich war so froh, dass er nie herausgefunden hatte, wer dahinter steckte.

    „Lass uns nicht weiter darüber reden“, bat ich und atmete durch. Ich nahm meine Arbeit wieder auf und warf einen Blick zur Esse. „Erzähl mir, was in den Jahren passiert ist, in denen ich dich nicht gesehen habe“, forderte ich ihn auf. Sein Gesichtsausdruck wurde augenblicklich ernst. „Du weißt, warum Atto mich zur Küste geschickt hat?“, fragte er und ich nickte. „Es waren harte Jahre. Nach Táratars Tod hat sich alles verändert. Atto ist verschlossener geworden, auch wenn er immer noch für mich da war. Nur hat es tiefe Spuren in ihm hinterlassen. Als ich die Küste erreichte, wurde Brithombar gerade angegriffen und ich und meine Begleiter mussten nach Eglarest ziehen, wenn wir nicht in die Wirren der Schlacht hineingezogen werden wollten…“, begann er zu erzählen und beschrieb die Umstände der letzten Jahre, insbesondere der letzten Monate.

    Nachdenklich lauschte ich dem ausführlichen Bericht. Ich begann zu verstehen, was in ihm vorging und konnte auch gewisse Veränderungen, die mir in seinem Verhalten aufgefallen waren, nachzuvollziehen. Er war selbstsicherer und selbstbewusster dadurch geworden, auch wenn er für meinen Geschmack zu schnell erwachsen geworden war. Aber was erwartete ich? Wir waren nicht in Aman, wir waren in Endor.

    „Das heißt du bist als Bote Círdans hier“, sagte ich, nachdem er fertig erzählt hatte. Artanáro nickte und löste etwas die Verschnürung des Hemdes. „Ich weiß nicht, wie du es hier aushältst!“, murmelte er und legte den bereits abgelegten Mantel zusammen. „Das ist relativ einfach. Man passt sich der Temperatur an!“, grinste ich und deutete auf mein eigenes Hemd. „Haha, sehr witzig!“ Ich zuckte mit den Schultern.

    „Wie lang bist du schon hier?“, fragte ich und ging zur Esse. Das Metall war zur Hälfte geschmolzen und glühte schneeweiß. Ich betätigte nochmals den Blasebalg, während ich zu ihm hinübersah. „Erst seit etwa zwei Stunden.“ Überrascht drehte ich mich um. „Artanáro…“ „Man sagte mir, du wärest hier, in Nargothrond. Und ich wollte dich wieder sehen. Frag nicht warum, aber ich musste dich einfach wieder sehen, bevor ich die Nachricht überbringen hätte können.“

    Sein Blick lag eindringlich auf mir. Ich legte den Kopf schief und fuhr mit dem Schürhaken durch die Kohle, aus der daraufhin die Flammen hochschossen. Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Handgelenk. Zwei strahlende Sterne durchbohrten mich, ein unsicheres Flackern ließ mich inne halten. „Wenn ich etwas Falsches gesagt haben sollte, dann tut es mir leid.“ Ich sah, wie er schluckte. „Das hast du nicht! Ich war nur überrascht, dass ich scheinbar eine so hohe Wichtigkeit genieße, dass du mich als allererstes hier aufsuchst.“, beruhigte ich ihn und legte meine andere Hand über seine.

    „Du bist neben Atto die wichtigste Person in meinem Leben. Das solltest du eigentlich wissen“, erwiderte er und löste sich von mir. Neugierig betrachtete ich ihn. Sein Verhalten warf ein völlig neues Licht auf ihn. „Wie spät ist es eigentlich?“, fragte ich, um das Thema zu wechseln. Der trockene Blick sagte mehr als tausend Worte. „Soweit ich mitbekommen habe, wird das Frühstück jetzt aufgetischt.“ Die Zeit verging viel zu schnell.

    Die Tür ging auf. Verwundert drehte ich mich um und erblickte Aithnor. Das hellbraune Haar war vollkommen durcheinander und sein Blick wirkte auch noch nicht sonderlich wach. „Celebrimbor, wie lange bist du wieder hier?“, fragte er, kaum dass er mich erblickte, und gähnte hinter vorgehaltener Hand. „Lang genug, um jetzt zum Frühstück zu gehen“, antwortete ich und verdrehte die Augen. „Kannst du solange auf das Eisen achten?“

    Er nickte und kam herüber. „Stahl für die Tore?“ „Ja, genau dafür“, antwortete ich und schnappte mir mein Hemd. Onkel Findárato und Vater würden es zwar bis zu einem gewissen Grad amüsant finden, wenn ich oben ohne erscheinen würde, nur wie Onkel Tyelcormo reagieren würde, war mir nur allzu bewusst. Artanáro stand bei der Tür und beobachtete erheitert mein Augenverdrehen. Ich war schneller bei ihm, als er etwas sagen konnte und zog ihn hinter mir her.
    Bissige Kommentare konnte ich auch nachher noch hören.

    „Kann es sein, dass du etwas genervt bist?“, fragte mein Schatten und leichte Schadenfreude schwang in seiner Stimme mit. „Mein herzallerliebstes Sternchen, wie kommst du nur auf solch abwegige Gedanken?“ Er lachte und ich musste lächeln. Ein Stück Alltag kam wieder in mein Leben, nach diesen langen Jahren. „Ich weiß nicht, aber mir blieb der Eindruck nicht verwehrt, dass es so wäre.“, erwiderte er und rümpfte die Nase. „Außerdem, du weißt ganz genau, dass du mich nicht Sternchen nennen sollst!!“

    Ich lachte und legte einen Arm um seine Schultern. „Warum denn nicht? Es passt so gut zu dir!“ Ein bösartiger Blick traf mich und ich legte mir gespielt betroffen die Hand aufs Herz. Ich ächzte leicht und sah ihn vorwurfsvoll an. „Du brichst mein Herz! Siehst du nicht, wie ich leide?“ Todernst wurde ich angesehen. „Ich sehe es, du siehst wirklich vollkommen danach aus. Soll ich dich zum Speisesaal auch noch tragen? Ja? Tut mir leid, du bist zu schwer!“, kam es trocken und ich schnappte empört nach Luft.

    „Strahle-Stern, du beleidigst mich?!“ Mittlerweile waren wir vor der Tür zum kleinen Speisesaal und ich stützte meine Hände in die Hüfte. Er grinste breit. „Ich weiß nicht…“ Er legte eine bedeutungsvolle Pause ein. „… eigentlich schon!“

    Ein Räuspern lenkte unsere Aufmerksamkeit auf die Tür. Mitten im Türrahmen stand Vater mit verschränkten Armen und sah uns aufmerksam an.

    Artanáro sah mit großen Augen zu ihm. „Ähmm… guten Morgen, Atto!“, sagte ich und straffte mich. Ein Funkeln lag in seinen Augen und er musterte meinen Cousin. „Weiß ich da etwas nicht?“, fragte er süffisant. „Onkel Curufinwë, es ist schön dich wieder zu sehen!“ Artanáro trat vor und lächelte erfreut.

    Vaters Blick war Gold wert. Feixend zwinkerte ich ihm zu und bemerkte den König. „Artanáro, was hast du mit deiner Nase gemacht?“, kam die Frage Findáratos. Ein Stöhnen kam von meinem Cousin und ich verkniff mir das Grinsen. „Er meinte sich mit einem Orkschild anlegen zu müssen.“, gab ich willig Auskunft. Mein Onkel hustete etwas.

    Findárato winkte alle hinein und schloss die Tür hinter sich.

    ~*~


    Müde ließ ich mich aufs Bett fallen und genoss die kühlen Laken. Es war mitten in der Nacht, die zwei Tore waren noch heute fertig geworden und das erste Tor war mittlerweile verziert und mit Schutzrunen bedeckt. Mein Körper schien zu glühen durch die Arbeit.

    Es war ein langer Vormittag geworden, an dem viel diskutiert und besprochen wurde. Die Lage war ernst, gerade weil sich viele Probleme zum Häufen schienen. Dunkel erinnerte ich mich an die Blicke zwischen Vater und Findárato. Ebenso auch an Onkel Tyelcormos Tobsuchtanfall, weil ihm Findáratos Einschätzung nicht zugesagt hatte.

    Erschöpft schloss ich die Augen und ließ meine Gedanken schweifen.

    … und dunstige Finger griffen nach mir….


    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
    Quenya:

    elenya = mein Stern
    yondonya = mein Sohn
    táratar = Großvater


    Namen:

    Aithnor [S] = Feuerspeer
    Lassemista [Q] = Graublatt


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    Mist! Die Akkus von meinem Heiligenschein sind schon wieder leer!

    Nur die See kennt die Herzen derer, die in ihr aufgehen.
    Auf ihrem Grund werden ihre Träume ruhen, in ihrer Größe ruhen ihre Kräfte.
    Doch ihre Wogen erst machen die Leidenschaft der Seelen unvergessen.
    Unvergessen solange, bis sie aus ihrer Tiefe emporsteigen und in Ruhme und Glanze neu erstrahlen. - Captain Jack Sparrow

    The DA Sons of Feanor: Maedhros, Maglor, Celegorm, Caranthir, Curufin, Amrod & Amras

      Aktuelles Datum und Uhrzeit: Di Dez 11, 2018 12:44 am